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Justice

Die harte Hand – Schwierige Jugendliche in geschlossenen Heimen

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Trailer "Die harte Hand"
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Moderatorin Julia Scherf: Wie gehen wir mit "schwierigen" Jugendlichen um?
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Jonas L.: "Man kommt da halbwegs normal rein und kommt da als psychisch gestörte Person raus."
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Jonas L. erstattet gemeinsam mit seiner Mutter Anzeige bei der Polizei
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Serie

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 30 Minuten
  • Sender: RTL

Produktion

  • EIKON Nord GmbH
  • Produktionsjahr: 2014
  • Produzent: Thorsten Neumann

Kontakt

30 Minuten Deutschland – Justice

Wenn Eltern mit ihren heranwachsenden Kindern nicht mehr klarkommen, veranlassen Familiengerichte notfalls die geschlossene Unterbringung im Heim.

Doch was so genannte „schwierige Jugendliche“ vom Alltag in den Einrichtungen der Haasenburg GmbH in Brandenburg berichten, erschüttert die Öffentlichkeit. Von Begrenzungen und Fixierungen bis hin zu Knochenbrüchen nach körperlichen Zwangsmaßnahmen berichten Jugendliche heute.

Die Landesregierung hat nach den Vorwürfen die Schließung der Heime verfügt, viele ehemalige Bewohner erstatteten Anzeigen wegen körperlicher und psychischer Gewalt.  Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt in 70 Fällen.

Richterin Julia Scherf beleuchtet in dieser Justice-Folge nicht nur den juristischen Hintergrund des Haasenburg-Skandals. Sie spricht mit Jugendlichen und geht der Frage nach: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit so genannten „schwierigen Jugendlichen“ um?  Hilft eine harte Hand?

Als sich im Sommer 2013 Medienberichte über Misshandlungen in den Einrichtungen der Haasenburg GmbH häuften, war für uns klar: das ist ein Thema für „Justice“. Was sind das für Jugendliche, die dort untergebracht waren? Warum waren sie dort? Und kann es wirklich sein, dass sie von ihren Betreuern so behandelt wurden, wie die Presse berichtete?

Ehemalige Heim-Bewohner hatten Strafanzeigen erstattet, die Staatsanwaltschaft Cottbus nahm die Ermittlungen auf – wegen des Verdachts der „Misshandlung von Schutzbefohlenen“, der „Körperverletzung“ und anderer Straftaten. Der Skandal wurde zum Politikum. Das brandenburgische Jugendministerium setzte eine Untersuchungskommission zur Aufklärung der Vorwürfe ein. Im Dezember 2013 entzog das Ministerium dem Betreiber die Betriebserlaubnis wegen „latenter Kindeswohlgefährdung“. Und viele nahmen den Haasenburg-Fall zum Anlass, die bisherige Praxis der „geschlossenen Unterbringung“ für so genannte „schwierige Jugendliche“ in Frage zu stellen. Die Lage war ziemlich unübersichtlich.

Die Verantwortlichen der Haasenburg GmbH wollten sich – auf Anfrage - zunächst zu den Vorwürfen äußern und uns auch in ihren Einrichtungen drehen lassen. Wir sollten ihnen vorab unsere Fragen schicken. Doch dann hieß es plötzlich: keine Interviews, keine Drehgenehmigung.

Auch von Seiten der Jugendämter war nicht viel Unterstützung zu erwarten. Viele betroffene  Jugendliche sind noch minderjährig und stehen unter der Obhut der Behörden. Und die standen ihrerseits in der Kritik, bei der Kontrolle der Heime versagt zu haben. Wir waren daher auf der Suche nach einem betroffenen Jugendlichen, der über das, was er in der Haasenburg erlebt hat, überhaupt öffentlich sprechen kann und darf.

Als wir Jonas Lobermeyer und seine Mutter Eva kennenlernten, merkten wir schnell, dass es beiden ein großes Bedürfnis war, über diese für sie schwierige Zeit zu berichten. Denn über viele Jahre hatte ihnen niemand zuhören wollen. Durch die - unserer Ansicht nach sehr glaubwürdigen – Schilderungen von Jonas haben wir einen subjektiven Einblick eines betroffenen Kindes in das Leben im Haasenburg-Heim „Müncheberg“ erhalten. Es ist die Geschichte eines 12jährigen Kindes, mit dem seine Mutter und die Jugendhilfe nicht mehr fertig wurden, und das schließlich „mit harter Hand“ in der geschlossenen Unterbringung auf den rechten Weg gebracht werden sollte. Für Jonas waren es die wohl schlimmsten 13 Monate seines Lebens.

Ob und wann ein Gericht sich mit Jonas Vorwürfen befasst, ist noch offen. Der heute 17jährige hat Strafanzeige bei der Polizei gegen den Betreiber und einzelne Betreuer erstattet. Er will als Nebenkläger in einem möglichen Prozess auftreten. Doch die Staatsanwaltschaft Cottbus hat ihre Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Zu unserem Erstaunen signalisierte die Geschäftsführung der Haasenburg GmbH kurz vor unserem Sendetermin plötzlich erneut Gesprächsbereitschaft. Unsere schriftlich eingereichten Fragen wurden dann allerdings nur teilweise beantwortet. Insbesondere die Vorwürfe, die Jonas gegen die Haasenburg und ihre Betreuer erhebt, blieben unkommentiert. Wir werden den Fall weiter verfolgen.

Simone Dühring

  • ModerationJulia Scherf
  • AutorSimone Dühring
  • KameraRobert Engelke
  • KameraErik Hartung
  • KameraHans-Jörg Reinel
  • SchnittDaniel Probst
  • Musik/KompositionChristoph M. Kaiser
  • AnimationTina Obladen
  • ProduktionsleitungSusanne Gerriets
  • ProduzentThorsten Neumann
  • RedaktionStefan Suchalla

Juristischer Hintergrund Haasenburg

Die „geschlossene Unterbringung“  eines Kindes /Jugendlichen ist in § 1631b (BGB) geregelt.

§ 1631b
Mit Freiheitsentziehung verbundene Unterbringung

Eine Unterbringung des Kindes, die mit Freiheitsentziehung verbunden ist, bedarf der Genehmigung des Familiengerichts. Die Unterbringung ist zulässig, wenn sie zum Wohl des Kindes, insbesondere zur Abwendung einer erheblichen Selbst- oder Fremdgefährdung, erforderlich ist und der Gefahr nicht auf andere Weise, auch nicht durch andere öffentliche Hilfen, begegnet werden kann. Ohne die Genehmigung ist die Unterbringung nur zulässig, wenn mit dem Aufschub Gefahr verbunden ist; die Genehmigung ist unverzüglich nachzuholen.

In Deutschland haben Kinder ein „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ (§1631 BGB).

§ 1631
Inhalt und Grenzen der Personensorge

(1) Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.

(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

(3) Das Familiengericht hat die Eltern auf Antrag bei der Ausübung der Personensorge in geeigneten Fällen zu unterstützen.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt derzeit gegen die Haasenburg GmbH wegen des Verdachts der „Mißhandlung von Schutzbefohlenen“  (§225 StGB)

§ 225 Mißhandlung von Schutzbefohlenen

(1) Wer eine Person unter achtzehn Jahren oder eine wegen Gebrechlichkeit oder Krankheit wehrlose Person, die

1. seiner Fürsorge oder Obhut untersteht,

2. seinem Hausstand angehört,

3. von dem Fürsorgepflichtigen seiner Gewalt überlassen worden oder

4. ihm im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist,

quält oder roh mißhandelt, oder wer durch böswillige Vernachlässigung seiner Pflicht, für sie zu sorgen, sie an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.


(2) Der Versuch ist strafbar.

(3) Auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr ist zu erkennen, wenn der Täter die schutzbefohlene Person durch die Tat in die Gefahr

1. des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung oder

2. einer erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung

bringt.

(4) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 ist auf Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren, in minder schweren Fällen des Absatzes 3 auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.

Zudem stehen einzelne Betreuer der Haasenburg im Verdacht, sich der „Körperverletzung“ (§223 StGB) strafbar gemacht zu haben.

                § 223 Körperverletzung

(1) Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist strafbar.