Justice

Die toten Seehunde von Sylt

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Trailer "Die toten Seehunde von Sylt"
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Seehunde auf Sylt
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Tierärztin Janine Bahr: "Für uns ist nicht nachvollziehbar, warum Tiere in dieser großen Zahl getötet werden."
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Böhling, Ministerium Kiel: "Jäger sein bedeutet auch, die Sachkunde zu haben, ein Tier töten zu können."
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Moderatorin Julia Scherf
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Serie

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 30 Minuten
  • Sender: RTL

Produktion

  • EIKON Nord GmbH
  • Produktionsjahr: 2014
  • Produzent: Thorsten Neumann

Kontakt

30 Minuten Deutschland – Justice

Friedlich liegen sie auf den Sandbänken vor der Insel, manchmal kommen sie auch an den Strand von Sylt: Die Rede ist von Seehunden, die mit ihren Knopfaugen echte Touristenlieblinge sind. Der Streit um Seehundjäger erregt zurzeit die Gemüter von Politik, Lobbyverbänden und Umweltschützern.

Zwar dürfen Seehunde seit 1974 nicht mehr gejagt werden, sie unterliegen einer ganzjährigen Schonzeit. Aber allein in diesem Jahr wurden fast 200 Seehunde nur im Urlauberparadies Sylt geschossen. Grund: sie sollen krank gewesen sein. Die Seehundjäger sind vom Land Schleswig-Holstein ehrenamtlich eingesetzte Helfer, die vor Ort am Strand entscheiden, ob ein Seehund in einer Seehundstation behandelt oder gleich getötet wird, weil er ohnehin bald sterben würde.

Gegen diese Praxis regt sich lautstarker Protest von Augenzeugen, Tierschützern und Tierärzten. Und sie bekommen breite Unterstützung: Gleich zwei Online-Petitionen sammeln inzwischen etwa 30.000 Stimmen, um eine Novellierung des Jagdrechts zu initiieren. Die konkrete Forderung: Nicht Jäger sollen darüber entscheiden, ob ein verletztes oder krankes Tier gesund gepflegt werden kann, sondern Tierärzte.

Die Landesregierung Schleswig-Holsteins verweist auf die geltende Gesetzgebung und den traditionellen Einsatz der erfahrenen und geschulten Seehundjäger.

Das sehen die Tierschützer jedoch anders: Man hätte viele der Tiere retten können, wären sie angemessen erstversorgt und in eine Auffangstation gebracht worden, sagen sie. Den Beweis liefern die angrenzenden Niederlande, in denen kranke Tiere ehrenamtlich gepflegt werden. In Schleswig Holstein und Niedersachsen dagegen würden sich die Tierschützer mit der Seehundpflege strafbar machen.

Die JUSTICE-Folge zeigt die Auseinandersetzung zwischen Jagdrecht, Politik und Naturschutz.

Im Januar und Februar dieses Jahres erschienen erst regional, dann bundesweit viele kontroverse Artikel über die Tötung von Seehunden in Schleswig-Holstein durch die sogenannten „Seehundjäger“. Ausgangspunkt der Kontroverse war die Insel Sylt, in der allein in den ersten zwei Monaten des Jahres 2014 etwa 136 Seehunde „erlöst“ wurden, d.h. die dortigen Seehundjäger hatten im Rahmen der „Hege und Pflege“ von Wildtieren, die Seehunde erschossen, die ihrer Einschätzung nach schwer krank waren und andernfalls unnötig hätten leiden müssen.

Gegen diese gängige Praxis in Schleswig-Holstein rührt sich nun lautstark Protest: An die Presse gegangen sind zunächst drei Sylter Augenzeuginnen, denen die - ihrer Meinung nach - „eiskalte und allzu spontane“ Art der Tötungen und die Vielzahl der toten Tiere negativ aufgefallen war. Dazu meldete sich in den Medien dann auch eine Tierärztin auf Föhr zu Wort: Janine Bahr, die auf Meeressäuger spezialisiert ist und die in der Vergangenheit schon mehrfach den Umgang mit erkrankten Robben in Schleswig-Holstein kritisiert hatte.

Zunächst stellten wir fest, dass es zu diesem Thema spontan viele Fragen gab, die es aufzuklären galt: Warum wird auf Seehunde geschossen, wenn sie doch eigentlich eine geschützte Tierart sind? Wo ist der rechtliche Unterschied zur Kegelrobbe, die unter Artenschutz liegt und niemals geschossen werden darf? Wieso entscheidet ein Jäger allein über Leben und Tod, ohne Tierarzt? Wie wird das Vorgehen kontrolliert?

Die meisten Zeitungsartikel zu dem Thema stellten sich auf die Seite der zuständigen Behörde, dem Schleswig-Holsteinischen Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR) und legten dar, dass die gängige Praxis – der Seehund unterliegt seit ca. 30 Jahren im Jagdrecht mit einer ganzjährigen Schonzeit – völlig rechtens und zweckmäßig sei. Kranke Tiere zu „erlösen“ entspräche dem Tierschutz. Die ehrenamtlich arbeitenden Seehundjäger würden zu Unrecht angegriffen.

Wir betrachten für unsere Sendereihe „Justice“ die rechtlichen Grundlagen eines jeden Thema aber etwas genauer, immer verbunden mit der Fragestellung: Wenn etwas legal ist, ist es dann auch legitim? Wenn eine Mehrheit eine gängige Praxis nicht als „rechtens“ empfindet, können und sollten Gesetze nicht auch geändert werden?

Es wurde für uns juristisch noch interessanter, als wir feststellten, dass es ein trilaterales Abkommen zum „Seehundmanagement im Wattenmeer“ gibt, unterzeichnet von den Wattenmeer-Anrainerstaaten Dänemark, Niederlande und Deutschland. Denn jede Nation legt dieses Abkommen in der Praxis anders aus! Für den kranken Seehund bedeutet dies eine Ungleichbehandlung: Kommt er krank in Dänemark oder Deutschland an den Strand, wird er höchstwahrscheinlich geschossen. Kommt er in Holland an den Strand, wird er in den meisten Fällen gerettet und in einer Seehundstation wieder aufgepäppelt.

 

In Deutschland ist der Tierschutz im Grundgesetz Art.20 verankert. Schleswig-Holstein setzt diesen Tierschutz um, in dem es die Seehundjäger beauftragt hat. Kritiker wie die Tierärztin Janine Bahr und ihr eigens gegründeter Arbeitskreis „Robben in Schleswig-Holstein“ fordern, den Seehund aus dem Jagdgesetz heraus zu nehmen. Und sie fordern, dass Tierärzte über Leben und Tod entscheiden sollen.

Für die Dreharbeiten war es verständlicherweise einfach, die Tierschützer vor die Kamera zu holen. Sie haben ein Anliegen und wollen darüber sprechen.

Schwieriger gestaltete es sich zum Teil mit den zuständigen Behörden in Schleswig-Holstein. Der grüne Umweltminister Robert Habeck sagte uns aus Zeitgründen ab. Seitens des Ministeriums fand sich der Leiter der Obersten Forst- und Jagdbehörde, Johann Böhling, zum Interview bereit, und nahm sich dafür viel Zeit.

Der direkt für die Seehundjäger zuständige Pressesprecher beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein sagte uns nach unserer schriftlichen Anfrage umgehend ein Interview mit den Sylter Seehundjägern ab, da sie durch den Medienrummel im Januar und Februar „erschöpft“ seien. Ein anderer Seehundjäger ließe sich auch nicht finden, der zum Interview bereit sei, war die generelle Absage auf unsere erneute Anfrage.

Ebenso unerfreulich waren die verzögernden Antworten der Pressestelle der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Wir haben trotz mehrfacher schriftlicher Anfrage, schlussendlich sogar mit Fristsetzung, keinerlei Auskunft zum Umfang der Schulung der Seehundjäger bekommen. Die Fragen nach Kalender-Daten, wie viele Tage und Stunden jährlich, welche Lehrinhalte im Detail / Stundenplan – dazu gibt es bis heute keine Informationen.

Mitunter hatten wir bei dieser Recherche den Eindruck einer Informations-Blockade, mit dem vielleicht zugrunde liegenden Ziel, dass sich die Aufregung um das Thema schon wieder legen würde und man dann einfach weiter machen könne wie bisher. Doch die Berichterstattung bis heute zeigt – so wie unser Film – dass das Thema aktuell bleibt und weiter kontrovers diskutiert wird.

Und diese Aktualität bleibt bestehen, besonders hinsichtlich der zu erwartenden Herbstsaison mit neuen Jungtieren und deren möglicher Erkrankung und erneuten Gnadenschüssen auf Sylt und anderswo an der schleswig-holsteinischen Grenze.

Wir haben schließlich in Eigenregie und mit Glück den Seehundjäger Rolf Blädel auf Helgoland gefunden, der zum Dreh und Interview bereit war. Ihm gebührt unser spezieller Dank. Seine Aussagen im Film waren uns auch wichtig, um die Kontroverse im Film möglichst fair und ausbalanciert darstellen zu können.

Wir werden das Thema „Seehundjäger“ in Schleswig-Holstein weiter verfolgen.

 Riccarda Voss

  • ModerationJulia Scherf
  • AutorRiccarda Voss
  • KameraErik Hartung
  • SchnittDaniel Probst
  • Musik/KompositionChristoph M. Kaiser
  • AnimationTina Obladen
  • ProduktionsleitungSusanne Gerriets
  • ProduzentThorsten Neumann
  • RedaktionStefan Suchalla
  • MitarbeitSarah Bekele