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Ein Dorf greift an! Kampf gegen eine neue Startbahn

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Justice-Trailer: Ein Dorf greift an. Keine neue Startbahn für München.
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Moderatorin Julia Scherf - wie laut ist es nahe einem Flughafen?
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Attachinger Grüll: "Sollten bei uns wirklich die Bagger anrollen, dann ist Stuttgart 21 ein Kindergeburtstag gewesen."
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Umweltdemo in München
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Bues, Flughafen München: "Wir glauben, dass die Interessen der Allgemeinhait bei dem Projekt überwiegen"
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Serie

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 30 Minuten
  • Sender: RTL

Produktion

  • EIKON Nord GmbH
  • Produktionsjahr: 2013
  • Produzent: Thorsten Neumann

Kontakt

Wer wie Familie Buchberger in 85356 Attaching lebt, hat alles, was Heimat in Bayern ausmacht. Die knallroten Geranien unter dem Ortsschild, den Maibaum, das Kriegerdenkmal, die Kirche, den Kramerladen, die Bauernhöfe, das gepflegte Sportgelände. Doch diese Heimat ist in Gefahr.

Der Flughafen München plant im Erdinger Moos neben den bereits zwei existierenden Bahnen eine Dritte Start- und Landebahn: 4.000 Meter lang, 60 Meter breit, Kosten etwa 1,2 Milliarden Euro. Attaching würde die geplante Expansion des Münchner Flughafens am brutalsten treffen, denn der Flughafen-Ausbau würde eine Schneise durch das Dorf mit seinen rund 1.000 Einwohnern schlagen: der einen Hälfte bleibt nur der Verkauf ihrer Grundstücke an die Flughafengesellschaft, weil ihre Häuser praktisch unbewohnbar sein werden, die andere Hälfte muss bleiben – in wertlos gewordenen und wohl unverkäuflichen Häusern und Grundstücken. Und auch die katholische Kirche müsste enteignet werden, die das aber nicht will. Wird der Staat Bayern diesen Plan des Flughafenausbaus wirklich durchsetzen?

"Über meinem Haus sollen es dann 78 Starts pro Tag ab 200 Metern Höhe sein. Für unseren achtzehn Monate alten Johannes bedeutet das, dass er nie mehr bei offenem Fenster schlafen kann“ klagt Michael Buchberger, der aus einer alteingesessenen Attachinger Familie stammt und dessen Familie wir unter anderem für diesen Film begleiten.

2012 haben die Münchner sogar in einem Bürgerentscheid den Bau der dritten Startbahn abgelehnt, doch der ist nur ein Jahr gültig gewesen. Jetzt liegen 17 Klagen rund um den Flughafenausbau vor.

Es geht um die Frage, was rechtlich schwerer wiegt: die Wohl des Einzelnen oder das Allgemeinwohl. Und in den Prozessen muss geklärt werden, was das Allgemeinwohl eigentlich ist: wirtschaftliche Entwicklung, Wert der Gesundheit, Heimat oder die Unversehrtheit der Natur?

Als Münchner Regisseurin bin ich gleich doppelt „drin“ im Thema... Zum einen bin ich beruflich viel unterwegs (auch mit dem Flieger), zum anderen waren wir Münchner im Juni 2012 in einem Bürgerentscheid dazu aufgerufen darüber abzustimmen, ob wir für oder gegen eine Dritte Startbahn am Flughafen München sind.

So kamen wir für Justice auf dieses Thema, denn der Ausbau des Münchner Flughafens ist eine klassische David-gegen-Goliath-Geschichte... Die einen kämpfen um ihre Heimat und ihre Gesundheit, der Flughafen um seine wirtschaftliche Zukunft. Hinter dem Flughafen steht zudem der Freistaat Bayern, der die Dritte Start- und Landebahn klar befürwortet. Welche Chance hat also der Einzelne gegen Regierung und mächtige Wirtschaftsinteressen?

Mit dieser Fragestellung sind wir zu dieser Reportage im Frühjahr 2013 angetreten. Der Spannungsbereich liegt in diesem Fall zwischen Einzelwohl und Gemeinwohl, wobei aufgrund der in den letzten Jahren rückläufigen Flugbewegungen nicht klar ist, ob der Flughafenausbau tatsächlich notwendig sein wird. Das ist das größte Streitthema der gegnerischen Seiten und nun dürfen sich also die Richter mit dem Flughafenausbau beschäftigen. 17 Klagen liegen dem Gericht vor – von Kommunen, Naturschutzvereinen und Einzelpersonen.

Die Menschen in Attaching, die die geplante Expansion des Flughafens am brutalsten treffen würde, sind wütend. In den vielen Gesprächen, die wir für diesen Film geführt haben, wurde klar: Sie fühlen sich als Bürger nicht ernst genommen. Denn die Münchner haben sich solidarisch gezeigt und in eben jenem Bürgerentscheid 2012 den Bau der dritten Startbahn abgelehnt. Doch dieser Bürgerentscheid hat nur ein Jahr Bindungskraft. Was ist mit den Bürgerbelangen? – eine Frage, die bei den Attachingern immer wieder aufkommt. Nur ein Jahr müssen sich die Politiker an das Ergebnis halten, danach können die gewählten Volksvertreter neu entscheiden. Deswegen ziehen die Attachinger vor Gericht, sie gehen demonstrieren, sie veranstalten Schweigemärsche, haben Initiativen und Bündnisse gegründet. Bei ihrem Kampf haben wir sie nun monatelang für diesen Film begleitet.

Natürlich haben wir uns auch gefragt: Darf man immer dagegen sein? Immer Wutbürger sein, sobald es einen direkt betrifft? Können wütende Bürger jedes große Bauvorhaben torpedieren? Irgendwo müssen die Flughäfen ja schließlich hin... Der Flughafen will (und muss vielleicht auch) wachsen, er hat bisher eine Erfolgsgeschichte geschrieben und möchte diese fortschreiben. Er ist auch eine Jobmaschine.

Es ist also eine Geschichte, wie sie die ganze Welt momentan in zwei Lager teilt: Die Wachstumsjünger auf der einen Seite, auf der anderen die, die zum Umdenken drängen, zur Nachhaltigkeit und für die Ökologie und Ökonomie im Einklang stehen müssen.  

Ein Dorf greift an – und ein Ende der Geschichte ist noch nicht abzusehen. Entweder entscheidet der Bayerische Verwaltungsgerichtshof zugunsten der Startbahnbefürworter, dann darf der Flughafen ausgebaut werden. Aber in diesem Falle werden nicht am Tag darauf die Bagger anrollen, denn auch die Stadt München ist Mitglied der Flughafen München GmbH – und alle Oberbürgermeister-Kandidaten wollen sich nach der Stadtrats-Wahl im März 2014 an das „Nein“ der Münchner im Bürgerentscheid zur dritten Startbahn halten. Ohne einstimmigen Beschluss kann die FMG nicht bauen...

Doch wie auch immer der Rechtsstreit ausgeht: Revision und weitere Klagen sind zu erwarten und wir bei Justice bleiben natürlich dran...

 

Dominique Klughammer

  • ModerationJulia Scherf
  • AutorDominique Klughammer
  • KameraGerald Fritzen
  • KameraErik Hartung
  • SchnittDaniel Probst
  • Musik/KompositionChristoph M. Kaiser
  • AnimationTina Obladen
  • ProduktionsleitungSusanne Gerriets
  • ProduzentThorsten Neumann
  • PressebetreuungAnna Reinecke, Katja Kersting

Der Prozessgrund

Der „Prozessgrund“ ist von Kläger zu Kläger unterschiedlich. Exemplarisch kann man einzelne Klagegründe so beschreiben:

Der Bund Naturschutz z.B. macht die Verletzung von deutschem und europäischem Naturschutzrecht geltend.

Den privaten Klägern geht es im Kern um mit der Immissionsbelastung (vor allem Lärm) einhergehende Probleme.

Die klagenden Kommunen führen u.a. ins Feld, dass ihre Planungs- und Gebietshoheit beeinträchtigt wird, weil sie z.B. in durch die geplante Startbahn stark verlärmten Bereichen keine Wohngebiete mehr planen können; zum Teil monieren sie auch die Lärmbeeinträchtigung gemeindlicher Einrichtungen.

Wer sind die Kläger?
Direkte Flughafen-Anwohner, Bund Naturschutz (BN), sowie die Gemeinden mit der größten Lärmbelastung: Eitting, Berglern, Oberding, Fahrenzhausen, Stadt und Landkreis Freising.

Klagegegner des Startbahnverfahrens ist der Freistaat Bayern.