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Gefährliche Antibabypille? Frauen im Kampf gegen einen Pharmariesen

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Trailer "Gefährliche Antibabypille?"
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Christian Schock, Witwer: "Ich bin überzeugt, dass die Pille Menschenleben kostet."
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Richterin Julia Scherf: "Nach Sammelklagen in den USA gehen jetzt auch in Deutschland Frauen vor Gericht."
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Eine neue Generation von Pillen soll vermehrt Thrombosen oder Embolien auslösen.
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Kathrin Weigele: "Ich würde mir wünschen, dass Bayer diese Präparate vom Markt nimmt."
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Serie

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 30 Minuten
  • Sender: RTL

Produktion

  • EIKON Nord GmbH
  • Produktionsjahr: 2016
  • Produzent: Thorsten Neumann

Kontakt

In Deutschland nehmen über sechs Millionen Frauen täglich die Antibabypille ein. Die Pille ist das meist eingenommene Medikament weltweit. Doch die Antibabypillen der dritten und vierten Generation stehen seit Jahren unter Verdacht, lebensbedrohliche Nebenwirkungen zu haben und vermehrt Thrombosen oder Embolien zu verursachen. Die geschädigten Frauen kämpfen lebenslang mit den Folgen: Familienplanung und Berufswunsch sind oft mit einem Schlag zunichte gemacht. Nach Sammelklagen in den USA sowie Klagen und Protesten in Frankreich wollen jetzt auch Frauen in Deutschland juristisch gegen den Pharmariesen Bayer vorgehen. Die Frauen fordern Schadensersatz und Schmerzensgeld.

Der Konzern hält mit eigenen Studien dagegen und spricht von Einzelfällen. Außerdem verweist er auf die besondere Verantwortung der Ärzte – die könnten nach gründlicher Anamnese am besten entscheiden, ob sich eine Frau für diese neue Pillengeneration eigne. Bayer geht nach wie vor „von einem positiven Risiko-Nutzen-Profil aus“. Dennoch: In den USA hat der Konzern inzwischen viele Millionen Dollar Entschädigung gezahlt, allerdings ohne Eingeständnis einer Schuld. Der Verkauf läuft also weiter.

Die Klägerinnen in den USA und in Europa kämpfen für bessere Aufklärung. Denn die Antibabypillen der dritten und vierten Generation wurden früher speziell bei jungen Frauen damit beworben, dass sie übermäßige Behaarung und Pickel verschwinden lassen und keine Gewichtszunahme nach sich ziehen – anders als Pillen der ersten und zweiten Generation. Das Ziel der geschädigten Frauen ist, dass Bayer die Präparate vom Markt nimmt.

Die Pille ist ein Medikament, das weltweit rund 100 Millionen gesunde junge Frauen täglich in erster Linie einnehmen, um nicht schwanger zu werden. Manchmal aber auch nur, weil vor allem junge Mädchen den Versprechungen der Pharmaindustrie Glauben schenken, die Pille hätte angeblich einen Beauty-Effekt: schöne Haut, volles und glänzendes Haar, keine Gewichtszunahme.

"Schönheit, die von innen kommt", scheint der Vermarktungstrick zu sein, den man für die neuen Pillen gefunden hat. Doch in den letzten Jahren las ich immer wieder von Thrombosen und Embolien bei Frauen und Mädchen, die drospirenonhaltige Antibabypillen, also diese „Lifestyle-Pillen“ der neuesten Generation, einnehmen.  Und irgendwann fragte ich mich: Wie sieht es mit dem Recht auf Verhütung ohne Gefahr eigentlich aus?

Schnell stieß ich auf die Selbsthilfegruppe Drospirenon Geschädigter und ihre Website www.risiko-pille.de. In den vergangenen 15 Jahren wurden dort 478 Verdachtsfälle von Frauen mit venösen Thromboembolien gelistet. Außerdem 28 Todesfälle, die mit drospirenonhaltigen Verhütungsmitteln in Verbindung gebracht werden. Unfassbar. Ich beschloss, dieses Thema für Justice zu recherchieren.

Meine siebenmonatigen Recherchen und Dreharbeiten führten mich zu vielen geschädigten Frauen, darunter Felicitas Rohrer, die nun gegen Bayer einen Prozess führt. Ich sprach mit Anwalt Martin Jensch, in dessen Kanzlei sich in Deutschland praktisch alles zum Thema Drospirenon bündelt. Rede und Antwort standen mir verschiedene Experten - vom Berufsverband der Frauenärzte über das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bis zum arznei-telegramm. Ich wertete über Monate Studienergebnisse aus, sammelte Fachartikel zum Thema Drospirenon  und beobachtete, wie die Pharmaindustrie diese Präparate bewirbt. Nur Bayer wollte meinem Interviewwunsch leider nicht entsprechen. Der Konzern spricht von Einzelfällen und verweist auf eigene Studien sowie ein „positives Risiko-Nutzen-Profil“.

Es ist eine Art Erin-Brockovich-Geschichte, die gerade wegen der ungleichen Kräfteverhältnisse so interessant und aufwühlend ist: Die Klägerinnen kämpfen für bessere Aufklärung, auch wegen jahrelang irreführender Werbung. Die geschädigten Frauen fordern Schadensersatz und Schmerzensgeld, denn für sie sind Antibabypillen wie Yasmin oder Yasminelle wider Willen zur „Pille fürs Leben“ geworden. Schon deswegen möchten sie, dass diese Medikamente vom Markt verschwinden.

Nun bin ich selbst mehr als gespannt, wie lange das Verfahren von Felicitas Rohrer, dessen vorgerichtliche Abklärungsphase allein viereinhalb (!) Jahre in Anspruch nahm, dauern und vor allem wie es enden wird.

  • ModerationJulia Scherf
  • AutorDominique Klughammer
  • KameraKnut Beulich
  • KameraLennart Schweizer
  • KameraClaudia Rauch
  • KameraRoland Breitschuh
  • KameraErik Hartung
  • SchnittDaniel Probst
  • Musik/KompositionChristoph M. Kaiser
  • AnimationTina Obladen
  • ProduktionsleitungSusanne Gerriets
  • ProduzentThorsten Neumann
  • RedaktionStefan Suchalla

Worauf sich der Anwalt der Klägerinnen beruft

§ 84 Gefährdungshaftung

Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln (Arzneimittelgesetz - AMG)

(1) Wird infolge der Anwendung eines zum Gebrauch bei Menschen bestimmten Arzneimittels, das im Geltungsbereich dieses Gesetzes an den Verbraucher abgegeben wurde und der Pflicht zur Zulassung unterliegt oder durch Rechtsverordnung von der Zulassung befreit worden ist, ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen nicht unerheblich verletzt, so ist der pharmazeutische Unternehmer, der das Arzneimittel im Geltungsbereich dieses Gesetzes in den Verkehr gebracht hat, verpflichtet, dem Verletzten den daraus entstandenen Schaden zu ersetzen. Die Ersatzpflicht besteht nur, wenn

1. das Arzneimittel bei bestimmungsgemäßem Gebrauch schädliche Wirkungen hat, die über ein nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft vertretbares Maß hinausgehen oder

2. der Schaden infolge einer nicht den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft entsprechenden Kennzeichnung, Fachinformation oder Gebrauchsinformation eingetreten ist.

(2) Ist das angewendete Arzneimittel nach den Gegebenheiten des Einzelfalls geeignet, den Schaden zu verursachen, so wird vermutet, dass der Schaden durch dieses Arzneimittel verursacht ist. Die Eignung im Einzelfall beurteilt sich nach der Zusammensetzung und der Dosierung des angewendeten Arzneimittels, nach der Art und Dauer seiner bestimmungsgemäßen Anwendung, nach dem zeitlichen Zusammenhang mit dem Schadenseintritt, nach dem Schadensbild und dem gesundheitlichen Zustand des Geschädigten im Zeitpunkt der Anwendung sowie allen sonstigen Gegebenheiten, die im Einzelfall für oder gegen die Schadensverursachung sprechen. Die Vermutung gilt nicht, wenn ein anderer Umstand nach den Gegebenheiten des Einzelfalls geeignet ist, den Schaden zu verursachen. Ein anderer Umstand liegt nicht in der Anwendung weiterer Arzneimittel, die nach den Gegebenheiten des Einzelfalls geeignet sind, den Schaden zu verursachen, es sei denn, dass wegen der Anwendung dieser Arzneimittel Ansprüche nach dieser Vorschrift aus anderen Gründen als der fehlenden Ursächlichkeit für den Schaden nicht gegeben sind.

(3) Die Ersatzpflicht des pharmazeutischen Unternehmers nach Absatz 1 Satz 2 Nr. 1 ist ausgeschlossen, wenn nach den Umständen davon auszugehen ist, dass die schädlichen Wirkungen des Arzneimittels ihre Ursache nicht im Bereich der Entwicklung und Herstellung haben.

Zitat Rechtsanwalt Martin Jensch: „Das Medikament muss zum einen dem aktuellen medizinischen Standard entsprechen, zum anderen muss im Beipackzettel ausdrücklich auf Nebenwirkungen und Risiken hingewiesen werden.“ 

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Schreiben von Bayer

Vielen Dank für Ihre Anfrage zum Thema Pille der 3. und 4. Generation. Leider können wir Ihrem Interviewwunsch nicht entsprechen.

Generell lässt sich zu den von Ihnen angesprochenen modernen, niedrigdosierten kombinierten oralen Kontrazeptiva KOK (mit weniger als 50 µg Ethinylestradiol) einschließlich der KOK mit Drospirenon sagen, dass sie eine wichtige Methode in der Familienplanung sind.

KOK gehören zu den am systematischsten untersuchten und am häufigsten verwendeten Arzneimitteln. Auch Bayers KOK wurden und werden bis heute weltweit gründlich und umfassend untersucht.

Die Einnahme jedes KOK, auch derjenigen von Bayer, birgt ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von venösen und arteriellen „Thrombosen/Thromboembolien (VTE / ATE). Diese schweren, aber seltenen Nebenwirkungen sind bekannt. Venöse Thrombosen und ihre mögliche Ablösung und Wanderung in Lungengefäße, wo es zu Blockaden der Gefäße kommen kann (Lungenembolie), zählen zu den schwersten Nebenwirkungen unter der Einnahme der KOK. Insgesamt treten VTEs (venöse Thromboembolien) unter KOK nur selten auf, und das VTE-Risiko bei der Einnahme aller niedrigdosierten KOK ist niedriger als das VTE-Risiko bei Schwangerschaft und im Wochenbett. KOK erhöhen auch das Risiko für arteriellen Blutgerinnsel wie Schlaganfälle (aufgrund einer Verstopfung oder eines Risses von Blutgefäßen im Gehirn oder hirnversorgender Blutgefäße) oder Herzinfarkte (aufgrund einer Verstopfung von Blutgefäßen im Herzen).

Basierend auf der sorgfältigen Bewertung der verfügbaren wissenschaftlichen Daten durch Gesundheitsbehörden, von externen unabhängigen Experten und Bayer-Wissenschaftlern, haben niedrigdosierte kombinierte orale Kontrazeptiva inkl. Drospirenon-haltiger Produkte bei bestimmungsgemäßer Einnahme ein positives Nutzen-Risiko-Profil. bei indikationsgemäßer Verwendung.

Unter „Rechtliche Risiken“ finden Sie im Geschäftsbericht sowie den Quartalsberichten der Bayer AG zusätzliche Informationen.


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Checkliste für die Einnahme und Verschreibung kombinierter hormonaler Kontrazeptiva (KHK)

Vorsicht ist geboten, falls einer dieser Punkte zutrifft:

 ·   Gibt es eine bestehende Thromboembolie oder eine in der Vorgeschichte? Hat ein naher Angehöriger der Frau ein thromboembolisches Ereignis gehabt?

·   Gibt es bekannte Blutgerinnungsstörungen?

·   Liegt ein Diabetes mellitus mit Gefäßschädigung vor?

·   Hat die Frau sehr hohen Blutdruck, d.h. systolisch höher als 160 oder diastolisch höher als 100 mmHg?

·   Hat die Frau sehr hohe Blutfettwerte? Hat ein naher Angehöriger hohe Blutfettwerte?

·   Hat sie Migräneanfälle?

·   Steht ein größerer chirurgischer Eingriff, eine Entbindung oder eine längere Immobilisierung bevor?

·   Ist die Frau übergewichtig?

·   Ist sie älter als 35 Jahre?

·   Raucht sie?

·   Leidet sie an Vorhofflimmern, Herzrhythmusstörungen oder einer koronaren Herzkrankheit?

·   Steht ein Langstreckenflug bevor?

Suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe auf, wenn Sie eines der folgenden Anzeichen oder Symptome bemerken:

 ·   Starke Schmerzen oder Schwellungen eines Beins, die begleitet sein können von Druckschmerz, Erwärmung oder Änderung der Hautfarbe des Beins, z.B. aufkommende Blässe, Rot- oder Blaufärbung. Sie könnten an einer tiefen Beinvenenthrombose leiden.

·   Plötzliche unerklärliche Atemlosigkeit/Atemnot oder schnelle Atmung; starke Schmerzen in der Brust, welche bei tiefem Einatmen zunehmen können; plötzlicher Husten ohne offensichtliche Ursache, bei dem Blut ausgehustet werden kann. Sie könnten an einer schweren Komplikation einer tiefen Beinvenenthrombose leiden, die Lungenembolie heißt.

·   Brustschmerz, meist plötzlich auftretend. Sie könnten an einem Herzanfall leiden.

·   Schwäche oder Taubheitsgefühl des Gesichtes, Arms oder Beins, die auf einer Seite besonders ausgeprägt ist. Sie könnten einen Schlaganfall haben.  

 

Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte