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Justice

Schrecken nach der Zahn-OP

Justice
Trailer. Bei Justice äußern sich erstmals beide Seiten, Patientin und Zahnarzt
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Moderatorin Julia Scherf klärt Sie über die Rechtslage auf
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Patientin Jeannett Runge: "Da war alles weg"
Justice
Zahnarzt Thorsten S.meint, seine Patientin ausreichend aufgeklärt zu haben
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Justice

Serie

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 30 Minuten
  • Sender: RTL

Produktion

  • EIKON Nord GmbH
  • Produktionsjahr: 2013
  • Produzent: Thorsten Neumann

Kontakt

Jeannett Runge ist eine typische Angstpatientin. Zahnärzte sind ihr ein Horror, deswegen begibt sie sich im April 2010 in die Hände eines Zahnarztes aus Havelberg, der ihr eine Behandlung unter Vollnarkose zusichert. Sie hat zunächst Vertrauen zu ihrem Zahnarzt Thorsten S., fühlt sich in sicheren Händen. Bis sie nach der Behandlung aufwacht:  „In dem Moment ging die Zunge in den Oberkiefer, weil ich ja wissen wollte, was los ist. Und da war nichts“, erinnert sich Jeannett Runge. „Da war alles weg. Und dann fing ich schon an zu schreien. Mein Leben war Ende an dem Tag.“ 

11 Zähne sind ihr gezogen worden. Ein Schock für Frau Runge. Sie erinnert sich nicht daran, dass er ihr so viele Zähne ziehen wollte. Das bestreitet Thorsten S.. Er habe der Patientin immer gesagt, dass sie möglicherweise bis zu 11 Zähnen verlieren werde. Jeannett Runge erstattet Strafanzeige gegen den Zahnarzt. Daraus entstehen mehrere Prozesse vor dem Amtsgericht und dem Landgericht Stendal. Denn juristisch ist es eine schwierige Ausgangslage. Patienten haben das Recht auf Unversehrtheit und Schutz. Dennoch spricht ein mögliches Berufsverbot gegen das grundgesetzliche Recht der Berufsfreiheit. Welche Rechte haben Patienten und welche Rechte haben Ärzte?

Viele haben über den Fall berichtet. Erstmals äußern sich beide Seiten bei Justice, der Zahnarzt und die Patientin.

Auf den Fall aufmerksam geworden sind wir durch Berichte in der regionalen und überregionalen Presse. Ein Zahnarzt, der seiner Patientin gegen ihren Willen elf Zähne unter Vollnarkose zieht – schier unglaublich.

Ich habe mir die Frage gestellt, was dieser Zahnarzt für ein Mensch ist, welche Tragweite seine Tat hat und wie es überhaupt so weit kommen konnte. Ich wollte den Fall von beiden Seiten beleuchten – von der Seite des Opfers und des mutmaßlichen Täters.

Ihn zu einem Interview zu bewegen, war äußerst schwierig. Er hatte Vorbehalte gegenüber der Presse, sah sich durch die bisherige Berichterstattung „abgeurteilt“ und falsch dargestellt. Für ihn ein klarer „Rufmord“. In einem persönlichen Gespräch mit ihm wurde aber deutlich, dass er großes Interesse hatte, seine Sicht der Dinge darzustellen. Denn er war und ist weiterhin davon überzeugt, nichts Falsches getan zu haben. Er sieht sich als das eigentliche Opfer des Gerichtsverfahrens, schließlich sei ihm dadurch alles genommen worden.

Der Dreh mit seiner Familie und ihm verlief überraschend offen. Thorsten S. ist ein eloquenter Gesprächspartner, der Menschen für sich einnehmen kann. Kein Wunder, dass viele Patienten ihm vorbehaltlos vertraut haben. In den Interviews war er bereit, alle gestellten Fragen zu beantworten - selbst zu seinen früheren Taten. Beide, der Zahnarzt und seine Frau, wollen das Urteil nicht akzeptieren und haben dementsprechend Revision beantragt – diese wird zu Zeit durch die nächste Instanz geprüft. 

Auf der anderen Seite stand die betroffene Patientin, die eine ganz andere Wahrnehmung der Geschehnisse hat. Sie fühlt sich entstellt, hat ihre Ersparnisse für die Behandlung aufgebraucht und weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Dass der Zahnarzt verurteilt wurde, nützt ihr im Augenblick wenig. Sie hat zwar Recht bekommen aber vor ihr liegt wieder eine lange Behandlungszeit – vor der sie Angst hat, die sie aber bislang überhaupt nicht bezahlen kann.

Dieses Spannungsfeld war das wichtigste für meine Recherchen und die Dreharbeiten. Insbesondere, was den Zahnarzt angeht, auch eine Gratwanderung. Meine Entscheidung war, ihn nicht anzugreifen sondern reden zu lassen, seine Aussagen nicht zu bewerten sondern die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen.

Thomas Hinrichsen

  • ModerationJulia Scherf
  • AutorThomas Hinrichsen
  • KameraThomas Henkel
  • KameraErik Hartung
  • SchnittDaniel Probst
  • Musik/KompositionChristoph M. Kaiser
  • AnimationTina Obladen
  • ProduktionsleitungSusanne Gerriets
  • ProduzentThorsten Neumann
  • PressebetreuungAnna Reinecke, Katja Kersting

Entzug der Approbation – wann ist sie möglich? Welche Rechte haben Sie als Patient?

Ein Zahnarzt zieht seiner Patientin 11 Zähne ohne dass sie zugestimmt hat, wie sie sagt.Ein klarer Fall, diesem Arzt muss die Approbation entzogen werden, damit er niemals wieder praktizieren kann. 

Oder?

Wenn ein Gericht einem Arzt die Approbation entzieht und damit die Erlaubnis, seinen Beruf auszuüben, muss es sich sicher sein, dass dieser Arzt nicht „berufswürdig“ ist. Keine leichte Entscheidung. Das Gericht muss sich fragen: Lässt sich ein Fehlverhalten eines Arztes noch mit der Vorstellung in Einklang bringen, die man mit einer Arztpersönlichkeit verbindet? Zu den Anforderungen an einen Arzt gehört zum Beispiel, dass er das besondere Vertrauensverhältnis zu seinen Patienten erhält und fördert, im Interesse der Gesundheit seiner Patienten handelt, das Ansehen seines Berufes wahrt und dem Gemeinwohl dient.

Aber am wichtigsten: Ein ganz entscheidender Punkt für jeden Arzt muss immer der Patientenwille sein. Das heißt, Zähne darf ein Zahnarzt nur ziehen, wenn er den Patienten in aller Deutlichkeit darüber aufgeklärt hat, dass er dies tun wird oder vielleicht tun muss.

Oder anders gesagt: Den Patientenwillen zu missachten, ist ein für einen Zahnarzt unwürdiges Verhalten.

Patientenrechte

Ein ärztlicher Eingriff stellt juristisch immer eine Körperverletzung dar – Der Patient muss daher vor jedem Eingriff seine Einwilligung geben. Dies setzt voraus, dass der Patient umfassend und rechtzeitig vom Arzt aufgeklärt wurde. Der Patient muss Gelegenheit haben, das Für und Wider des Eingriffs abzuwägen. Das heißt, er muss die Zeit haben, alles genau zu durchdenken und sich gegebenenfalls eine andere Meinung einholen zu können.

Bereits Ende der 90er Jahre hat der Bundesgerichtshof in seiner Rechtsprechung die Arzthaftung deutlich verschärft, indem er sich zur Patientenaufklärung äußerte. Durch die Rechtsprechung wurden strengere Anforderungen an die Patientenaufklärung gestellt. Aus diesem Grund haben die Zahnärztekammern für ihre Mitglieder Leitfäden zur Patientenaufklärung entwickelt, in denen genau festgelegt wird, was der Zahnarzt seinem Patienten über die Diagnose, die notwendige Behandlung und die Risiken in einer angemessenen Zeit vor dem Eingriff erläutern muss und wie er dieses zu dokumentieren hat.

Im Februar 2013 ist schließlich das so genannte „Patientenrechtgesetz“ in Kraft getreten, in dem die Rechte der Patienten und die Pflichten der Ärzte gesetzlich geregelt werden. 

Zusammengefasst:

Wichtig für Sie als Patienten zu wissen:

- Ihr Zahnarzt hat laut Patientenrechtgesetz die Pflicht zur rechtzeitigen und umfassenden Aufklärung. Sie dürfen jederzeit nachfragen, wenn Sie etwas nicht verstanden haben und natürlich dürfen Sie sich auch eine zweite Meinung von einem weiteren Zahnarzt einholen.

- Der Patientenwille – Ihr Wille! – ist für Ihren Zahnarzt maßgeblich.

 

Diese Einschätzung spiegelt die aktuelle Gesetzgebung wider und ersetzt keine individuelle juristische Beratung.