Justice

Väter gegen Dealer - Selbstjustiz in Wilhelmsburg

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Trailer zu "Väter gegen Dealer - Selbstjustiz in Wilhelmsburg"
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Richterin und Moderatorin Julia Scherf vor Ort in Hamburg-Wilhelmsburg
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Zwei Väter, die sich vor Gericht verantworten müssen
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Der Fall von Selbstjustiz polarisiert die Hamburger
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Richterin und Moderatorin Julia Scherf
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Serie

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 30 Minuten
  • Sender: RTL

Produktion

  • EIKON Nord GmbH
  • Produktionsjahr: 2013
  • Produzent: Thorsten Neumann

Kontakt

Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg macht in diesem Jahr ein dreifacher Familienvater Schlagzeilen, weil er kurzerhand den Dealer seiner Kinder verprügelt. Die Boulevardpresse feiert Senad Dacic als Helden, und auch aus der Bevölkerung erfährt er viel Zustimmung. „Ich habe nur meine Pflicht als Vater getan“, sagt er selbst. Doch wer das Recht in die eigene Hand nimmt, bricht letztlich auch nur das Gesetz. Selbstjustiz ist strafbar. 

Es sind gerade immer wieder solche Fälle, die großes Verständnis in der Öffentlichkeit auslösen. Der Grund: In der Regel geht es bei Selbstjustiz um hochemotionale Themen. Richterin Julia Scherf geht deswegen in dieser Justice-Folge selbst auf Spurensuche und versucht neben einer juristischen Einordnung des Falles vor allem die menschlichen Motive der Beteiligten zu ergründen.

Denn der Wilhelmsburger Fall hat eine Besonderheit: Noch ein zweiter Vater ist, völlig unabhängig von Senad Dacic, mit dem gleichen Dealer aneinandergeraten. Auch Cengiz Öger wollte seinem Kind nur helfen – und muss sich am Ende vor Gericht verantworten. Er sagt: „Es gibt keine Gerechtigkeit in Deutschland. Man schützt seine eigene Familie und kriegt dafür eine Strafe.“ Zwei Fälle, die wie in einem Krimi miteinander verwoben sind. 

Ein Film über zwei Väter im Kampf gegen einen Dealer.

Fall erneut vor Gericht

Wir sind gespannt, auf wen wir treffen, als wir dem dreifachen Vater Senad Dacic zum ersten Mal begegnen. Er hat mit seiner Tat die öffentliche Meinung in Hamburg tief gespalten und auch in unserer Redaktion hitzige Diskussionen ausgelöst. 

Wenn Senad Dacic von seinen Kindern erzählt, leuchten seine Augen vor Glück. Kommt er auf die Verhältnisse in seinem Wilhelmsburger Kiez zu sprechen, wirkt er gereizt. Er wollte nur erreichen, dass seinen Kindern keine Drogen mehr verkauft werden, erzählt er  – und wer will ihm das verübeln? Nur das Faustrecht ist dafür natürlich der falsche Weg, und Senad Dacic weiß das auch. Warum aber ist er ihn trotzdem gegangen? 

Wir gehen seinen Angaben auf den Grund. In der Stadtteilschule Wilhelmsburg ist seine Tochter mit Drogen in Berührung gekommen. Ein junger Mann mit dem Spitznamen Gino, so der Vater, soll hier als „Schulhof-Dealer“ Minderjährige zum Drogenkonsum verführen. Senad Dacic versteht nicht, warum seinem Kind so etwas ausgerechnet in staatlicher Obhut passieren kann – und dann „der Staat“ nichts dagegen unternimmt. „Schule und Polizei haben versagt, ich musste handeln“, erzählt der Vater. 

Unsere Recherche ergibt letztlich kein klares Bild. Wir haben keinen Drogenhandel an der Schule feststellen können, aber wir waren auch nicht vor Ort, als sich die Ereignisse im letzten Herbst zugespitzt haben. Komisch ist dennoch, dass niemand von der Schule, nicht einmal der Pressesprecher der übergeordneten Behörde, uns ein Interview geben will. Seit die Stadtteilschule durch die Drogengerüchte ins Blickfeld der Medien geraten ist, lässt man die Presse dort vorsichtshalber abblitzen.

Schließlich finden wir einen zweiten Vater, der in Wilhelmsburg Ähnliches erlebt hat und ganz unabhängig von Senad Dacic mit dem gleichen Dealer aneinandergeraten ist. Auch Cengiz Öger wollte nur seinen Sohn beschützen, damals ebenfalls ein Schüler der Stadtteilschule. Herr Öger hatte sich zunächst an die Polizei gewandt und dort um Hilfe gebeten, aber die Polizei konnte nur eine Anzeige gegen Gino schreiben, aber natürlich nicht seinen Sohn von den Drogen loseisen. Am Ende muss sich Cengiz Öger selbst vor Gericht verantworten, auch in seinem Fall steht der Vorwurf im Raum, er habe das Recht in die eigene Hand genommen. 

Etwas fällt an dieser Geschichte auf: Ausnahmslos alle Beteiligten fühlen sich ungerecht behandelt. Die Väter vom Staat, die Schule von den Medien, und auch Gino, der Dealer, beklagt eine Ungerechtigkeit. Gino sagt, dass ihn der Vater und in seinem Gefolge auch die Boulevardmedien vorverurteilt haben, an Kinder habe er nie verkauft, die Schule kenne er kaum. Man muss jetzt ehrlich sein: Gino hat recht. Niemand hat ihm in einem Prozess rechtskräftig nachgewiesen, dass er Drogen an Kinder verkauft hat, dennoch hat er eine „Strafe“ bekommen, die dazu noch ziemlich unzivilisiert und natürlich völlig inakzeptabel ist: die Prügelstrafe. Ich hatte ein offenes Verhältnis zu Gino aufgebaut, doch am Ende hat sein Vertrauen nicht gereicht, um mir ein Interview zu geben. Ganz Hamburg kenne jetzt seinen Namen, schimpft er – aber leider noch niemand seinen Blick auf die Geschichte. 

Keine Frage – beide Väter wären besser beraten gewesen, weiter auf den Rechtsstaat zu setzen. Es ist dabei auch egal, ob Gino seine Drogen nun auch an Kinder verkauft hat oder nicht. Das müssen Gerichte klären, so wie nun auch Gerichte klären werden, ob sich die Väter überhaupt strafbar gemacht haben.

Stefan Suchalla

  • ModerationJulia Scherf
  • AutorStefan Suchalla
  • KameraRalf Heinze
  • KameraErik Hartung
  • SchnittDaniel Probst
  • Musik/KompositionChristoph M. Kaiser
  • AnimationTina Obladen
  • ProduktionsleitungSusanne Gerriets
  • ProduzentThorsten Neumann
  • PressebetreuungAnna Reinecke, Katja Kersting
  • MitarbeitJasmin Heike

Was versteht man eigentlich unter Selbstjustiz?
Selbstjustiz bezeichnet das außergesetzliche Vorgehen von Menschen als Reaktion auf eine Straftat oder eine andere als rechtswidrig oder ungerecht empfundene Handlung – ohne dazu legitimiert zu sein. Denn das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Das heißt, nur der Staat, also Polizei und Justiz, haben das Recht, Dritte zu bestrafen. Selbstjustiz widersetzt sich diesem Gewaltmonopol und ist daher strafbar.

Als Rechtfertigung für einen Akt der Selbstjustiz wird meist eingewandt, dass die staatlichen Organe versagt haben oder unfähig seien, um gegen die als verbrecherisch empfundene Handlung effektiv, schnell oder überhaupt vorzugehen. Das ist aber kein Argument – denn das Gewaltmonopol hat Fehde und Blutrache als frühere Formen der Auseinandersetzung und als Mittel der Rechtsdurchsetzung aus guten Gründen abgelöst. Wilhelm von Humboldt schreibt dazu 1792: „Denn bei der Zwietracht entstehen Kämpfe aus Kämpfen. Die Beleidigung fordert Rache, und die Rache ist eine neue Beleidigung. Hier muss man also auf eine Rache zurückkommen, welche keine neue Rache erlaubt – und diese ist die Strafe des Staates.“

Die Geschichte der Selbstjustiz
Seit der archaischen Zeit waren die Rechtskulturen Europas von den Gesetzen der Blutrache und der Sippenfehde bestimmt. Eine Sippenfehde wurde erbarmungslos geführt und führte nicht selten zur Ausrottung ganzer Familien. Noch im Mittelalter ist das Prinzip der Selbstjustiz ein ganz normaler Teil des Rechtswesens. Daran ändert erst der sogenannte Ewige Landfriede etwas. Am 7.8.1595 erlässt der Reichstag zu Worms unter dem Vorsitz von König Maximilian I. ein zeitlich unbeschränktes Fehdeverbot. Niemand darf von nun an mehr sein Recht selbst in die Hand nehmen, die Selbstjustiz ist damit abgeschafft. Der König und die Reichsstände, also die damalige staatliche Gewalt, haben nun ein Gewaltmonopol. Dafür übernehmen sie auch die Verpflichtung, sich intensiv um die öffentliche Sicherheit und um die Rechtspflege zu kümmern.

Selbstjustiz in der Literatur
Vor 500 Jahren also bildet sich langsam unser heutiges Rechtssystem heraus. Doch noch ist das ein langer Weg. So führt zwischen 1534-1540 ein gewisser Hans Kohlhase einen privaten Kleinkrieg nach altem Muster und wird schließlich wegen Verletzung des kaiserlichen Landfriedens in Berlin hingerichtet. Basierend auf diesem realen Fall schreibt später der Dichter Heinrich von Kleist seine Erzählung „Michael Kohlhaas“ (1810).
Ein weiteres berühmtes literarisches Beispiel für Selbstjustiz ist der Roman „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas (1844-1846). Hier geht es um einen zu Unrecht Verurteilten, der nach seiner Haftstrafe Selbstjustiz an den vier Personen verübt, die ihn einst ins Gefängnis brachten.

Selbstjustiz in unserer Gesellschaft
Aber wer verübt eigentlich heute bei uns Selbstjustiz? Oft sind es Menschen, die sich von der Polizei und Justiz nicht verstanden oder wahrgenommen fühlen, die also das Gefühl haben, ein Verbrechen würde sonst gar nicht oder nicht ausreichend geahndet. Hier spielen besonders die subjektiven Vorstellungen von „Gerechtigkeit“ eine Rolle.

Der Fall Marianne Bachmeier
Der prominenteste Fall von Selbstjustiz in der deutschen Justizgeschichte ereignet sich am 6. März 1981 im Landgericht Lübeck. Dort steht an diesem Tag der 35-jährige Klaus Grabowski vor Gericht, der Vorwurf: Der Mann soll ein siebenjähriges Mädchen sexuell missbraucht und dann getötet haben. Marianne Bachmeier, die damals 31-jährige Mutter des umgebrachten Mädchens, schießt im Verhandlungssaal achtmal auf den mutmaßlichen Mörder ihres Kindes und bringt ihn um. Aus der Bevölkerung schlägt Marianne Bachmeier dafür eine Welle der Sympathie entgegen, sie wird zum Medienstar. Für die Justiz ist das bedeutungslos – im November 1982 wird Marianne Bachmeier wegen Totschlages zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Ein erstaunlich mildes Urteil, das nur möglich ist, weil das Gericht Marianne Bachmeier glaubt, die Tat nicht vorbereitet zu haben. In den neunziger Jahren relativiert sie das und sagte, sie habe „aus reiflicher Überlegung geschossen, um Recht über ihn zu sprechen“.

Der Fall Lena aus Emden - schon der Aufruf zur Selbstjustiz ist strafbar
Ein anderer realer Fall aus neuerer Zeit illustriert ein besonders Problem bei der Selbstjustiz: die Verwechslungsgefahr. So ruft zu Beispiel nach dem Mord an der 11-jährigen Lena am 24.03.2012 in Emden ein 19-Jähriger im Internet zu Selbstjustiz auf. Schnell versammelt sich daraufhin ein Mob von etwa 50 Personen vor dem Polizeikommissariat, in dem ein Tatverdächtiger einsitzt, mit dem Ziel, ihn zu bedrohen und einzuschüchtern. Doch der Verdacht gegen den Mann stellt sich als falsch heraus, der Beschuldigte kommt frei – der 19-Jährige hingegen wird wegen des Aufrufs zu einer Straftat verurteilt.

Denn gerade auch weil man nicht weiß, ob man überhaupt den Richtigen zur Rechenschaft zieht, muss der Staat in einem transparenten Verfahren die Aufklärung von Verbrechen übernehmen. Dabei gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Nur so kann man darauf vertrauen, nicht selbst Opfer einer Selbstjustiz durch Nachbarn oder Arbeitgeber zu werden, die gänzlich neben der Wahrheit liegt.

Selbstjustiz – noch immer ein weltweites Problem
Trotzdem ist Selbstjustiz in vielen Teilen der Welt bis heute weit verbreitet. Und auch die sogenannte Blutrache oder Vendetta fällt in die Kategorie Selbstjustiz. In der Regel von verfeindeten Familien verübt, werden hier Tötungen durch Tötungen gerächt. Kulturell motivierter Beweggrund kann dabei die Wiederherstellung der sogenannten „Familienehre“ sein. Vorbild für diese Form der Rache ist dabei das alttestamentarische Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Blutrache wird noch heute in vielen Regionen der Welt genommen.

In unserer westlichen Welt lebt die Selbstjustiz vornehmlich in amerikanischen Filmen fort. „Ein Mann sieht rot“ (1974) mit Charles Bronson oder „Taxi Driver“ (1976) mit Robert De Niro sind zwei der bekannteren Beispiele.

Schlussgedanke – warum wir ohne Selbstjustiz sicherer leben
Zusammenfassend kann man sagen, dass heute das Gewaltmonopol des Staates letztlich die Bürger vor Übergriffen anderer schützt, indem es gewaltsamen Rechtsmissbrauch oder Willkür einzelner Personen oder Gruppe verhindert, damit niemand zum Opfer selbsternannter Rächer werden kann. Nur so kann man angstfrei mit seinen Mitbürgern in einer sozialen Gemeinschaft zusammen leben.