RT 2022, Reportage/Dokumentation, Serie/Reihe

Wohnen im ehemaligen Waldheim SWR Room Tour 2. Staffel

Synopsis

Wenn man den Stuttgarter Kessel in südwestlicher Richtung verlässt, dann kann man erstaunlich schnell mitten im Wald landen. Das durften Jessica Göthel und Julian Schramm auch feststellen, als sie zum Anfang der Corona-Pandemie bei einem Spaziergang im Schmellbachtal ankamen.

 

„Es war eine Zeit, in der wir uns allgemein fragten, wie es in unserem Leben weitergehen soll und dann sind wir hier mit den Hunden Gassi gewesen und wunderten uns über das verlassene Gebäude in der wunderschönen Lage”, so Jessica. Eine Recherche der damaligen Wahl-Hamburger ergab, dass das Gebäude gar nicht verlassen, sondern von der katholischen Landeskirche kürzlich zum Verkauf freigegeben wurde. Und so begannen die Gespräche und Verhandlungen, die knapp 18 Monate später dazu führten, dass Jessica und Julian sich heute Besitzer des Waldheims nennen können. „Es ging alles unglaublich schnell. Nach dem Kauf im Oktober 2021 sind wir hier angekommen und haben mit der Unterstützung unserer Familien und Freunde einfach losgelegt. Natürlich mit einem groben Plan für Gastro und den Neustart der Waldheimfreizeit, aber eigentlich machen wir hier einfach, worauf wir Lust haben.“ Und das merkt man sofort. Ihre private Wohnung, die das Paar in der ehemaligen Hausmeisterunterkunft eingerichtet hat, besitzt nach sechs Monaten der Umbauphase weiterhin kein Bad, aber dafür gab es gleich nach dem Erwerb auf der Terrasse eine öffentliche Winterolympiade mit Eisstockschießen, ein altes Feuerwehrfahrzeug wurde zu einer mobilen Grillstation umgebaut, ein Bastel- und Werkraum für Kinder eingerichtet, der sich im Umbau befindende Hauptspeisesaal zur Zwischennutzung mit Handballtoren für private Trainingsrunden bestückt und aus den schönsten verbliebenen Möbelstücken des in die Jahre gekommenen Waldheims ließ sich ein ganzes Zimmer im 70er-Jahre-Look einrichten.

 

Einem beständigen Konzept verschreiben sich Jessica und Julian beim Umbau und den anderen Waldheim-Projekten der Spontanität und Freiheit wegen nicht, aber die sie umgebende Natur und die Waldheim-Tradition sind trotzdem allgegenwärtig präsent. Das zentrale gestalterische Leitprinzip heißt hier: Wir holen den uns umgebenden Wald in die Räume rein. So wurden bei der Modernisierung des Betonbaus aus den 70ern die Fenster für mehr Verbindungen mit der Umgebung deutlich vergrößert und auch im Innenausbau kommen nun mehr natürliche Farben und Materialien zum Einsatz.

 

Eine weitere Konstante, die den Umbau und das Leben des Paares begleitet, sind ihre vier Hunde Bella, Lenny, Lasse und Maja, die teilweise aus Tierheimen stammen und durch ihr Alter oder ihre körperlichen Beeinträchtigungen besondere häusliche Einbauten und Pflege brauchen. Auch für sie ist das neu gefundene Zuhause mit zahlreichen Liegeflächen, eigenen Treppenaufgängen und viel Platz für den Auslauf in der Natur eine pure Wohltat.

 

Bereits nach wenigen Monaten konnten Jessica und Julian das ehemals katholische Waldheim zu ihrem privaten Rückzugsort und individuellen Waldgasthof transformieren, aber Jessica erträgt es nicht, wenn man sie jetzt als Wirtin oder Gastronomin bezeichnet. „Das ist die finanzielle Basis und wir wollen hier zukünftig noch so viel mehr von unseren ganz individuellen Ideen verwirklichen.” Zuletzt hat die gebürtige Plieningenerin, die das Schmellbachtal aus ihrer Kindheit zwar kannte, aber nie bewusst wahrgenommen hat, bei der Formel 1 gearbeitet und der reingeschmeckte Julian kommt beruflich ursprünglich aus dem Controlling. Der Karrierewandel und Umzug von Hamburg in das Schmellbachtal war trotz der Nähe zu Jessicas helfender Familie ein Sprung ins kalte Wasser. „Viele unserer Freunde und Bekannte können bis heute nicht richtig verstehen, wieso wir unser altes Leben so plötzlich aufgaben und uns dieses Teil kauften. Ja, ich trage jetzt Gummistiefel und keine High Heels mehr, aber dieser riesige Spielplatz ist es mir wert.”

 

Mit dem Erwerb und dem Umbau des Waldheims wurde das Paar auch mit der langjährigen Geschichte des Gebäudes und der Umgebung konfrontiert. Neben zahlreichen kuriosen Objekten und Möbelstücken fanden Jessica und Julian hinter einer vorgezogenen Wand am Ende eines Flures die „zugemauerte” Kegelbahnanlage. Versteckt unter der Erde solle auch noch das Naturfreibad aus den 20er Jahren liegen, das sich früher auf den Wiesen vor dem heutigen Waldheim befand. Damals wurde der Schmellbach hier im Sommer gestaut und füllte so zwei große Schwimmbecken, die nach der Schließung des Bades irgendwann einfach zugeschüttet wurden. Und dann ist da natürlich noch das Waldheim und die Waldheimfreizeit selbst, die unzählige Kinder jedes Jahr in ihren Schulferien besuchten und nun gerne wieder vorbeischauen, um in Erinnerungen zu schwelgen und ihre Geschichten zu teilen.

All diese persönlichen und emotionalen Verbindungen zu diesem Ort sind Jessica und Julian sehr wichtig und so bleibt ein Großteil des privaten Areals auch zukünftig für alle Wanderer, Spaziergänger und Besucher frei zugänglich. Sie appellieren aber an einen respektvollen Umgang miteinander und auch mit der Natur.

Format: RT 2022, Reportage/Dokumentation, Serie/Reihe
Ausstrahlung: 28.08.2022
Länge: 12:52 Minuten
Sender: SWR
Produktion: EIKON Stuttgart
Produktionsjahr: 2022
Produzent: Christian Drewing

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Stab & Darsteller
Regie
Oleg Kauz
Autor*in
Oleg Kauz
Kamera
Enno Endlicher
Oleg Kauz
Ton
Louisa Markert
Schnitt
Oleg Kauz
Produzent*in
Christian Drewing
Redaktion
Julia Melan
Rieke Spang
Annette Dany
Kontakt

Christian Drewing
EIKON Media GmbH
Niederlassung Stuttgart
Talstrasse 41
70188 Stuttgart

Tel. 0711-2483455
produktion@eikon-film.de

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