Dokumentarfilm

Punk im Dschungel

Synopsis

Eine Produktion der EIKON Südwest in Koproduktion mit ZDF „Kleines Fernsehspiel“, gefördert von der MFG Filmförderung Baden-Württemberg.

Wenn die Musiker das Punkkonzert unterbrechen, weil der Imam zum Abendgebet ruft und tausende von Konzertbesuchern das ganz normal finden, dann befinden wir uns in der wahren Hochburg des Punks, in Indonesien. Inmitten politischer Wirren, religiöser Grabenkämpfe und ökologischer Katastrophen sucht sich dort die schwäbische Punkband „Cluster Bomb Unit“ ihren Weg auf ihrer Tour durch ganz Südostasien. Während zu Hause Nietengürtel und Irokesenschnitt nur noch modische Accesoires sind, ist Punk in Indonesien und Malaysia eine echte Widerstandsbewegung. Tausende Fans zeigen den schon etwas in die Jahre gekommenen schwäbischen Urgesteinen wie man mit Punk tatsächliche gesellschafts- und umweltpolitische Veränderungen bewegen kann – wenn eben nicht gerade der Imam ruft.

Julia Finkbeiner, Oliver Barth, Werner Nötzel und Moritz Finkbeiner gehören zum festen Inventar von „Cluster Bomb Unit“. Die vor 20 Jahren gegründete Band zählt mittlerweile zur Altherrenliga der deutschen Punkmusik. So wie Punk in der deutschen Alltagsgegenwart untergegangen ist, so haben sich die Musiker auch allmählich niedergelassen. Ob als Krankenschwester, Strickwarenfabrikant, Tonstudiobetreiber oder Chansonier – man hat sein Auskommen und mancher sogar sein Häusle. Ihr normales Leben ändert sich einmal im Jahr für vier Wochen, wenn die Band auf Tour geht. Spielt „Cluster Bomb Unit“ (CBU) in Deutschland normalerweise gerade mal vor hundert Leuten, die zur Musik gelassen ihr Bier trinken und danach unbekümmert heimgehen, so werden sie auf ihrer Tournee durch Südostasien von tausenden Fans fast auf der Bühne überrannt.

Der indonesische Punkaktivist Ari bezeichnet Jakarta als Hauptstadt des Punks. Er organisiert zusammen mit seiner Freundin Ika Konzerte. Ausserdem unterhalten die beiden ein ziemlich lebendiges Netzwerk und betreuen die schwäbische Band auf ihrer Tour. Punk wird in Indonesien anders gelebt als bei uns und es gilt das Motto: „DIY – Do it yourself“. Jeder hilft jedem – Punk ist eine Community und nicht selten kommen 5000-8000 Leute zu einem Konzert. Eine Eintrittskarte kostet um die 20 Cent und wenn die Unkosten gedeckt sind, werden die noch wartenden Fans umsonst reingelassen. Muslim und Punk gleichzeitig zu sein ist dort kein Problem. Im Grunde steckt in jedem Mensch etwas Gutes – das versichert uns zumindest ein alter Mann in der Koranschule. Was spielt da schon das Äußere für eine Rolle?

Doch so liberal wurde das in Indonesien nicht immer gesehen: Polizei und Militär knüppelten noch vor wenigen Jahren Studentenunruhen nieder, mafiaähnlich organisierte Banden fühlten sich in Ihren Revieren gestört und korrupte Politiker ließen die Aufwiegler verfolgen. Dem Zuspruch der Punkbewegung konnten sie allerdings nichts anhaben. In ihren Vierteln organisieren die Punks Englischunterricht für Jugendliche , helfen Strassenkindern, engagieren sich im Umweltschutz und schreiben oppositionelle Lieder, die im Wahlkampf auch mal zur Hymne werden können. Väter schreiben Texte für die Punksongs ihrer Söhne und Mütter tolerieren die Löcher in den Hosen, die sie viel lieber stopfen würden. Punk ist inzwischen eine Gesellschaftsbewegung quer durch alle sozialen Schichten geworden.

Die Band von Pentul steht in Indonesien für den politischen Punk. Er ist Mitglied des Punk-Kolletivs ANTI MUSIC, ein Treffpunkt in dem T-Shirts, Musikkassetten und Bücher zu bekommen sind und in dem gewohnt, diskutiert und musiziert wird. Pentul selbst hat am eigenen Leib erfahren müssen, wie gefährlich es ist, ein Punk zu sein. In einem Flussbett versteckt entkam er knapp der Polizei, die ihm nachstellte. Er ist der Sänger einer der bekanntesten Bands im Lande, die nur wenige Konzerte im Jahr gibt und wenn, dann auch noch geschminkt und verkleidet, um dem Rockstar-Kult entgegen zu treten. Er sagt uns: „Wenn man in einem so korrupten und repressiven Land lebt, muß man kämpfen. Jeden Tag. Gegen den Staat und die Gesellschaft, manchmal auch gegen die Religion, oder sogar gegen die eigene Familie.“ Pentul träumt davon, dass die Punks einmal einen Sitz im Parlament haben werden. Die Anhängerschaft ist groß und sein Traum scheint in greifbare Nähe gerückt zu sein.

Die Mitglieder von CBU bekommen auf ihrer Tour Einblick in ein Land und in eine Kultur, die uns einen ganz anderen Punk vorlebt. In Indonesien gilt nicht „No Future“ sondern „DIY or die!“ – „Mach was oder stirb!“ Man kann es auch anders sagen: „Punk lebt!“

Der Filmemacher Andreas Geiger hat die Band auf ihrer Reise durch Indonesien begleitet und seine hautnahen Eindrücke und Begegnungen filmisch eingesammelt. Seine Reise führte ihn nach Jakarta, Yogjakarta, Balikpapan, Samarinda, Malang und Bali. Nach „Heavy Metal auf dem Lande“ ist der nun entstandene 90-minütige Kino-Dokumentarfilm „Punk im Dschungel“ sein nächster Streich, der uns in seiner gewohnt humorigen und liebevollen Manier einen Kosmos nahe bringt, der zwar auch von der Musik lebt, aber noch viel mehr von den sehr persönlichen Einblicken in das Leben der Protagonisten. Man darf also gespannt sein.

Format: Dokumentarfilm
Erstausstrahlung: 13.08.2007
Länge: 90 Minuten
Sender:
Produktion: EIKON München
Produktionsjahr: 2007
Produzent: Christian Drewing

Stab & Darsteller
Regie
Andreas Geiger
Autor
Andreas Geiger
Kamera
Bernadette Paasen, Henna Peschel
Ton
Patrick Veigel
Schnitt
Jürgen Winkelblech, Andreas Geiger
Produktionsleitung
Mette Gunnar
Produzent*in
Christian Drewing
Redaktion
Claudia Tronnier (ZDF)
Darsteller*innen
„Cluster Bomb Unit“, u.a.
Kontakt

Christian Drewing
EIKON Media GmbH
Niederlassung Stuttgart
Talstrasse 41
70188 Stuttgart
Tel. 0711-2483455
drewing@eikon-film.de

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Director`s Statement
Andreas Geiger

Musik war für mich ein ständiger Wegbegleiter, der mir immer geholfen hat, auch in anderen Bereichen eine Meinung zu bilden. Ich bin davon überzeugt, dass Musik und Popkultur viel dazu beitragen können, die Herzen der Menschen zu bewegen, ihre Köpfe zu öffnen und ideologische oder religiöse Schranken zu brechen.

Die Idee, einen Film über Punk zu machen, entstand während der Dreharbeiten zu HEAVY METAL AUF DEM LANDE. Einer der Protagonisten spielte als 35jähriger Familienvater und schwäbischer Strickfabrikant aus Nostalgiegründen noch in seiner alten Jugend-Punkband: CLUSTER BOMB UNIT, vor fast 20 Jahren gegründet und immer noch populär, und zwar vorrangig in Südostasien.

Ich sah eine spannende Geschichte vor mir: Warum macht eine in die Jahre gekommene schwäbische Punkband eine Tournee durch Südostasien? Warum ist Punk so beliebt in Ländern wie Malaysia, Philippinen und Indonesien? Was steckt hinter der asiatischen Punkbewegung?

Das Punk-Phänomen in Asien übertraf alle unsere Erwartungen. Während der Tour durch Indonesien lernten wir Punks kennen, für die Punk mehr als nur eine Lifestyle-Einstellung ist, als man das von Punkern hierzulande gewohnt ist. 30 Jahre nach der ersten Punkwelle in Europa, und nachdem Punk mehrmals für tot erklärt wurde, lebt er heutzutage in Asien und ist genauso wild und fordernd, wie er es sein sollte. Deutsche Punkmusik ist ein Export-Schlager, der für die asiatischen Jugendlichen aber kein Vorbildcharakter hat, sondern ihnen als Impuls dient, selbst Musik zu machen, in ihrer Sprache und mit ihrem eigenen gesellschaftlichen und religiösen Denken.

Ich sehe in der Tour einer deutschen Punkband durch Asien keinesfalls eine Art „Missionsreise“ durch ein Drittweltland oder gar postkolonialistisches Verhalten, sondern vielmehr den Versuch, innerhalb einer sich immer stärker ausbreitenden Globalisierung, gerade die Methoden der Globalisierung (und der schon immer global vernetzten Punk-Szene) zu nutzen, um auf soziale Missstände, aber auch auf die Qualitäten der regional gelebten Kultur aufmerksam zu machen.

Punk ist in Asien eine riesige soziale Bewegung im Kampf um mehr Demokratie, mehr Zivilcourage und eine gerechtere Chancenverteilung im Zeitalter der Globalisierung. Wer sich heute in Deutschland fragt, was er denn tun kann um die Welt zu verbessern, aber eigentlich nur darauf hofft, dass es eines Tages eine neue soziale Bewegung geben wird, der sollte mal einen globaleren Blick entwickeln, und beispielsweise nach Asien schauen, wo Punk in den letzten Jahren wirklich eine Bewegung losgetreten hat.

Eigentlich enthält der Titel „Punk im Dschungel“ bereits die Aussage des Filmes: Wenn „Punk“ für aktives Handeln steht und mit „Dschungel“ die große Anzahl und Komplexität aktueller Probleme gemeint ist, mit denen wir in unserer globalisierten Welt konfrontiert werden, so erzählt der Film die Geschichte von jungen Menschen, die mit klarem Blick im Dschungel der Gegenwart den Problemen gegenübertreten und mit Mut und Selbstbewusstsein für eine bessere Gesellschaft kämpfen.

Der Film ähnelt einem Roadmovie, was sich ganz einfach durch unsere Arbeitsweise so ergeben hat, da wir die anstrengende Tour mit der Band gemeinsam gemacht haben. Eine Tour bedeutet nicht nur wildes RocknRoll Leben, sondern früh aufstehen, mit Flugzeug, Bus, Rikscha und Boot unterwegs zu sein, und auf Konzerten bei 35 Grad und 100% Luftfeuchtigkeit zu spielen, bzw. zu drehen. Dabei war es mein Anliegen keinen Punk-Musikfilm aus dem Material zu machen, der nur von Punks verstanden und gesehen wird, auch wollte ich nicht in die sozial-romantische Falle treten und einen politsch-korrekten SPD-Film am Ende zu haben. Es sollte ein Film werden, der die Vehemenz von Punkmusik visuell und akkustisch vermittelt und gleichzeitig die asiatischen Protagonisten zu Wort kommen lässt.

Die Musiker von Cluster Bomb Unit sind dabei keine Filmhelden, sondern eher die Katalysatoren, durch die wir erst mit der asiatischen Punkszene in Kontakt kommen und durch deren Augen wir die dortige Welt wahrnehmen. Sie vollbringen auch keine Heldentaten, sie lieferten höchstens den musikalischen Impuls, der in Asien zu einem gesellschaftlichen Schmetterlingseffekt geführt hat.

Andreas Geiger

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